Theatermarathon
Juni 2005
LUCHESI & ODONI
LUCHESI: Ah, verehrter Odoni, auch schon auf dem Nachhauseweg?
ODONI: Ah, verehrter Luchesi. Ja ich hatte Sie schon im Palazzo bemerkt, aber war so in Gesprächen. Da muss ich nun fort.
LUCHESI: Mein Bedarf an dieser Gesellschaft ist vorerst gedeckt. Allein, wenn ich an Lady Fortunato denke…
ODONI: Oh…, sie geht auf wie ein Hefekuchen – geschmacklos wie eine voll gefressene Ratte – una ratta della Canale Grande.
LUCHESI: Sie erinnert zweifelsohne an das Fass Amotillado, welches ich kürzlich Montresor verkaufte.
ODONI: Amotillado … ein elend teures Gesöff. Sie haben hoffentlich keinen Sherry hinein gegeben?
LUCHESI: Oh, nein, nein, nein, bewahre. Es ist nicht ganz ungefährlich, es sich mit Montresor zu verscherzen. Sie wissen doch …. (geflüstert:) die Geschichte vor ein paar Jahren
ODONI: Fortunato wagte es, Montresor in aller Öffentlichkeit zu kränken. Ein Wunder, dass bisher noch nichts geschah.
LUCHESI: Fortunato wird schon selbst in sein Grab stolpern, so wie er säuft.
Frühlings Erwachen
Februar 2005
Das Leben ist schöner als der Tod
Theater Gutmacher spielt Wedekinds "Frühlings Erwachen" im Romanischen Keller
Der Tod gibt sich verführerisch: "Wir wissen, dass es alles Dummheit ist, was die Menschen tun und erstreben, und wir lachen darüber. Wir sind mit uns zufrieden." Das behauptet der Geist von dem Schüler Moritz Stiefel, der mit dem Leben nicht klar kam und sich in den Wirrungen der Pubertät den Kopf wegschoss. Jetzt, im wehenden Leichentuch und mit dem Kopf unterm Arm, will er seinen besten Freund, Melchior, mit ins Grab ziehen. Dieser fühlt sich am Tod der 14-jährigen, schwangeren Wendla schuldig, die durch eine von der Mutter veranlasste Abtreibung gestorben ist. Hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen kann nur eine vermummte, lebensfrohe Frau den Pakt mit dem Tod in letzter Sekunde verhindern.
Diese Szene auf dem Friedhof ist die beeindruckendste von Frank Wedekinds Kindertragödie "Frühlings Erwachen" beim Theater Gutmacher im Romanischen Keller. Matthias Paul lässt mit wenigen, aber eindringlichen Mitteln und einer großen Liebe zum Detail die Episoden dieser jugendlichen Neugier und Verzweiflung aufflackern wie die Flammen der Feuerzeuge, in deren Schein Moritz und Melchior über Schamgefühl und "männliche Regungen" sowie über Gewissensbisse und Todesangst miteinander reden.
In sehr ruhigen Szenenwechseln führt er zu der Erkenntnis, dass das alles hätte nicht so kommen dürfen. Gleichzeitig orientiert er sich an der Zeit um 1890, als Frank Wedekind mit diesem Werk so berühmt wie von der Zensur verfolgt wurde. Als "unerhörte Unflätigkeit" hatte "Frühlings Erwachen" bis 1906 keine Chance, an einer Bühne aufgeführt zu werden. Heute wirken die Borniertheiten und Prüderien der Erzieher, allen voran die falsche Scham von Wendlas Mutter ziemlich angestaubt und lächerlich. Die männliche Überheblichkeit und das Pathos an der Schule hätten noch mehr ins Groteske gezogen werden können.
Getragen wird das Stück besonders von den jugendlichen "Helden". Kathrin Müller spielt konsequent naiv die junge Wendla, die die Antworten, wenn nicht bei der betulichen Mutter (Karin Schmurr), mit leider verheerenden Folgen bei ihresgleichen holt. Oliver Kalkbrenner spielt Melchior als gefestigten Jugendlichen, der selbstbewusst und vernünftig seinem besten Freund Moritz Hilfe anbietet. Dass gerade diese gutgemeinte Zuwendung Moritz in noch tiefere Verzweiflung stürzt, liegt an den verständnislosen Eltern und Lehrern, die in ihren unterschiedlichen Schrulligkeiten das Gesellschaftsbild um die Jahrhundertwende spiegeln. So scheitert beispielsweise Folke Wolff als Melchiors liberale und kluge Mutter schon an ihrem konservativen Ehemann (Andreas Tusche). Am dankbarsten ist die Rolle des Moritz Stiefel, in der Leif Schmitt meist als völlig überforderter Junge mit eingezogenen Schultern auf der Bühne grübelt. Zu schauspielerischer Größe wächst er als Tod heran, wo er teuflisch verführerisch von der Erbärmlichkeit des Lebens plaudert, als wäre es eine Rache an dem, was man ihm vergönnt hat. Zum Glück gibt es Stephanie Frick, die erst als lebensfrohe Ilse und zuletzt als vermummte Frau beweist, wie schön und unbeschwert das Leben im Gegensatz zum Tod sein kann.
Artikel von Carmen Bürk, erschienen als Pressemitteilung der Uni Heidelberg.
Im Dickicht der Städte
Juli 1999
Ich denke mir, Sie wollen für Ihr Geld bei mir etwas vom Leben sehen. Sie wollen die Menschen dieses Jahrhunderts in Sicht kriegen, hauptsächlich seiner Phänomene, deren Maßregeln gegen ihre Nebenmenschen, ihre Aussprüche in den Stunden der Gefahr, ihre Ansichten und ihre Späße. Sie wollen teilnehmen an ihrem Aufstieg, und Sie wollen Ihren Profit haben von ihrem Untergang. Und natürlich wollen Sie auch guten Sport haben. Als Menschen dieser Zeit haben Sie das Bedürfnis, ihre Kombinationsgabe spielen zu lassen, und sind steif und fest gesonnen, ihr Organisationstalent gegenüber dem Leben, nicht minder auch meinem Bild davon, Triumphe feiern zu lassen. Deshalb waren Sie auch für das Stück "Dickicht". Ich wußte, Sie wollen ruhig unten sitzen und Ihr Urteil über die Welt abgeben sowie ihre Menschenkenntnis dadurch kontrollieren, daß Sie auf diesen oder jenen der Leute oben setzten. Sie waren erfreut, daß das kalte Chicago so angenehm anzusehen ist, denn es gehört durchaus zu unserem Plan, daß die Welt angenehm sei. Sie legen Wert darauf, an gewissen sinnlosen Begeisterungs- und Entmutigungsgefühlen beteiligt zu werden, die zum Spaß am Leben gehören. Alles in allem habe ich mein Augenmerk darauf zu richten, daß in meinem Theater Ihr Appetit gekräftigt wird. Sollte ich es so weit bringen, daß Sie Lust bekommen, eine Zigarre zu rauchen, und mich selbst dadurch übertreffen, daß Sie Ihnen an bestimmten, von mir vorgesehenen Punkten ausgeht, werden ich und Sie mit mir zufrieden sein. Was von allem immer die Hauptsache ist.
Sie befinden sich im Jahre 1912 in der Stadt Chicago. Sie betrachten den unerklärlichen Ringkampf zweier Menschen und Sie wohnen dem Untergang einer Familie bei, die aus den Savannen in das Dickicht der großen Stadt gekommen ist. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive dieses Kampfes, sondern beteiligen Sie sich an den menschlichen Einsätzen, beurteilen Sie unparteiisch die Kampfform der Gegner und lenken Sie Ihr Interesse auf das Finish.
Vorrede zu "Dickicht", An den Herrn im Parkett Bertolt Brecht
Das Frühwerk Brechts
Zum Frühwerk Brechts werden die Stücke „Baal“, „Trommeln in der Nacht“ und „Im Dickicht der Städte“ gezählt. Kennzeichnend für diese Phase ist die Vorführung einer Reihe von Vagabunden und Außenseitern, in denen Brecht seinen Zwiespalt zur bürgerlichen Gesellschaft markiert. „Baal“ ist die Geschichte eines in jeder Hinsicht unmäßigen Menschen, (der sich in abgewandelter Form auch in einigen späteren Werken Brechts wiederfindet), einer weder besonders komischen noch besonders tragischen Natur, sondern einem Wesen mit dem Ernst aller Tiere. Im „Dickicht der Städte“ beschäftigt Brecht der Gedanke einer unendlichen Vereinzelung des Menschen, die so weit geht, daß sie selbst als Feinde nicht zusammen kommen können und ein Kampf zum unerreichbaren Ziel wird. Das Lebensgefühl und die Stimmungen, die dem Stück zu Grunde liegen, finden sich auch in Brechts etwa zur gleichen Zeit erstelltem Selbstportrait.
Freier Theaterverein Heidelberg e.V.
1994
Als Vorstandsmitglied des freien Theatervereins Heidelberg e.V. und Mitglied des Das Kulturhaus Karlstorbahnhof e.V. unterstütze ich seit einigen Jahren die Interessensvertretung von 30 freien Theatergruppen Heidelbergs.
Klick Theater Heidelberg
1994
Das Klick Theater Heidelberg widmet sich seit 1985 der anspruchsvollen Interpretation brisanter Theaterstücke aus den Zeiten von Bert Brecht. In Georg Kaisers "Klawitter" spielte ich die Hauptrolle des "Ernst Hoff", in Bert Brechts "Dickicht der Städte" führte ich die Co-Regie und spielte den Seemann "Manky".